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13.07.2026

2026-07-13

Mittelstand

Umfrage: Investitionsbereitschaft im Mittelstand fällt auf Allzeittief

Das angespannte wirtschaftliche Umfeld verschärft die Lage für den Mittelstand: Die Belastungen durch Energie-, Rohstoff- und Materialkosten nahmen binnen sechs Monaten weiter deutlich zu. 67 Prozent der Unternehmen sehen Energiekosten als Problem (Herbst 2025: 53 Prozent), 57 Prozent die Rohstoff- und Materialkosten (Herbst 2025: 43 Prozent). Die Unternehmen sehen sich erneut vermehrt mit Lieferengpässen konfrontiert. Die Sorgen über einen Produktmangel oder verspätete Lieferungen stiegen innerhalb der vergangenen sechs Monate um 13 Prozentpunkte auf 31 Prozent (Herbst 2025: 18 Prozent). Der Kostendruck schlägt sich in den Preiserwartungen nieder: 43 Prozent der mittelständischen Unternehmen planen Preiserhöhungen, nur knapp 5 Prozent rechnen mit sinkenden Preisen. Damit wollen mehr Unternehmen ihre Preise anheben als noch vor einem halben Jahr – damals waren es 34 Prozent, während 9 Prozent Senkungen planten.

Während die Inlandskonjunktur anhaltend schwach ausfällt, suchen Unternehmen neue Absatzwege im Ausland. Knapp 54 Prozent der befragten Mittelständler sind im Ausland aktiv. Das sind 10 Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr 2024.

„Das Allzeittief bei der Investitionsbereitschaft ist ein Warnsignal für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes", sagt Stefan Beismann, Firmenkundenvorstand der DZ BANK. „Viele mittelständische Unternehmen haben derzeit mit schwacher Nachfrage, steigenden Kosten und hoher geopolitischer Unsicherheit gleichzeitig zu kämpfen. In einer solchen Lage konzentrieren sich Betriebe stärker auf Liquidität, Kostenkontrolle und die Absicherung ihrer Lieferketten. Investiert wird hierzulande derzeit vor allem in die Bestandssicherung. Wachstum und Expansion finden dagegen immer häufiger im Ausland statt. Ausnahmen sind Geschäftsfelder, in denen die Transformation schon heute zu wachsender Nachfrage führt – etwa in Infrastruktur für die Energie- und Wärmewende, im Bereich Defense sowie in Digitalisierung und KI.“

Politik muss Spielraum für private Investitionen schaffen
„Auch die deutlich verschlechterte Bilanzqualität des Mittelstands ist ein Spiegelbild der schlechten Wirtschaftslage in Deutschland. Die Unternehmen zehren von ihren Reserven, leiden unter hohen Kosten und nehmen von Investitionen Abstand. Viele Unternehmen und Fachkräfte wandern ins Ausland ab. Dabei müssten gerade jetzt wichtige Weichenstellungen für die Zukunft erfolgen. Insbesondere KI-Investitionen haben das Potenzial, die unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität erheblich zu steigern“, sagt Marija Kolak, Präsidentin des BVR. „Mit ihrem Reformpaket findet die Bundesregierung längst überfällige, richtige Ansätze, um Investitionen zu erleichtern und Bürokratie abzubauen. Enttäuschend sind allerdings die steuerpolitischen Beschlüsse der Regierungskoalition. Die geplante Entlastung bei der Einkommensteuer gleicht nicht einmal die kalte Progression aus. Mit der Veränderung des Spitzensteuersatzes wird der Mittelstand belastet statt entlastet. Von einer tiefgreifenden Steuerreform kann keine Rede sein. Hier muss die Politik dringend nachbessern. Insgesamt geht es jetzt darum, die politischen Beschlüsse nun zügig in ein konsistentes Reformpaket zu überführen, das tatsächlich mehr Spielraum für private Investitionen schafft.“

Kosten rücken wieder in den Vordergrund
Das größte Problemfeld des Mittelstands bleibt die Bürokratie: 74 Prozent der befragten Unternehmen nennen sie als wesentlichen Belastungsfaktor. Damit fällt der Wert zwar geringer aus als im Herbst 2025 (80 Prozent), bleibt aber auf hohem Niveau.

Die Sorgen um Energie- sowie Rohstoff- und Materialkosten sind auf den zweiten und dritten Platz der aktuellen Problemfelder gerückt. Damit überholen sie Fachkräftemangel (56 Prozent) und Lohnkosten (53 Prozent), die in den vergangenen beiden Umfragen als besonders problematisch wahrgenommen wurden. Die Energiekosten sind vor allem für Mittelständler in der Chemieindustrie (82 Prozent) sogar das drängendste aktuelle Problemfeld.  Im Agrarsektor (80 Prozent) sowie im Ernährungsgewerbe (76 Prozent) liegen sie gleichauf mit der Bürokratiebelastung.

Lieferengpässe und Preiserhöhungen nehmen zu
Vor allem Unternehmen aus der Elektroindustrie sowie aus der Chemie- und Kunststoffbranche sehen in Lieferengpässen eine Herausforderung. In beiden Sektoren ist jeweils rund jedes zweite Unternehmen betroffen. Die Lage bei der Beschaffung von Materialien war dort zuletzt während der großen Lieferkettenkrise 2022/2023 noch angespannter – in der Elektroindustrie im Frühjahr 2023, in der Chemie- und Kunststoffbranche im Herbst 2022.

Preiserhöhungen sind branchenübergreifend geplant, am stärksten in der Baubranche. Der Anteil der Bauunternehmen, die ihre Preise in den kommenden sechs Monaten anheben möchten, ist seit Herbst 2025 um 25 Prozentpunkte auf 63 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Anzahl der Unternehmen, die ihre Preise in diesem Zeitraum senken möchten, von 8 auf 4 Prozent halbiert.

Licht und Schatten bei Lage und Erwartungen
Trotz der Vielzahl an Belastungsfaktoren hat sich die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage im Mittelstand zum zweiten Mal in Folge verbessert. 71 Prozent der Unternehmen schätzen ihre aktuelle Geschäftslage als „sehr gut“ oder „gut“ ein. 29 Prozent der Befragten bewerten ihre Lage allerdings weiterhin als „eher schlecht“ oder „schlecht“. Besonders trüb bleibt die Stimmung im Agrarsektor, wo 45 Prozent die Lage als „schlecht“ oder „eher schlecht“ bewerten, sowie im Metall-, Kfz- und Maschinenbau (34 Prozent).

Neben der Einschätzung der Geschäftslage fallen auch die Beschäftigungserwartungen leicht positiv aus. 16 Prozent der Mittelständler planen, ihren Personalbestand auszuweiten; 11 Prozent wollen Stellen abbauen. Damit beabsichtigt der Mittelstand trotz gestiegener Kostenbelastung wieder mehrheitlich einen moderaten Personalaufbau.

Die Erwartungen für die kommenden sechs Monate stagnieren dagegen nahezu. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Branchen. Besonders im Handel, in der Chemie und in der Agrarwirtschaft gaben die Erwartungen spürbar nach. Im Handel rechnen 23 Prozent mit einer „etwas schlechteren" Lage, 5 Prozent sogar mit einer „starken Verschlechterung". Auch in der Agrarbranche fällt der Anteil, der eine starke Verschlechterung erwartet, mit 8 Prozent hoch aus – weitere 17 Prozent gehen von einer moderaten Verschlechterung aus. Im Chemiesektor äußern sich ebenfalls 25 Prozent der befragten Unternehmen eher oder deutlich pessimistisch zu ihren Geschäftserwartungen. „Die aktuelle Geschäftslage profitiert von einer verbesserten Auftragslage und höheren Auftragsbeständen in den vorangegangenen Monaten", sagt Beismann. „Das erklärt, warum die Unternehmen ihre aktuelle Lage besser einschätzen. Mit Blick nach vorn überwiegt jedoch die Vorsicht – die hohe Unsicherheit und die gestiegenen Kosten infolge der Nahost-Krise schlagen sich vor allem in der Investitionszurückhaltung nieder. Dass der Mittelstand in dieser Gemengelage Personal aufbaut, dürfte vor allem auf den Renteneintritt der Boomer-Generation zurückzuführen sein. Dabei profitieren Unternehmen gerade von einem aktuell arbeitgeberfreundlicheren Arbeitsmarkt.“

Bilanzqualität verschlechtert sich deutlich
Die anhaltende gesamtwirtschaftliche Schwächephase hat sich im Jahr 2025 merklich in den Bilanzen des Mittelstands niedergeschlagen. Der Bilanzqualitätsindex sank nach ersten vorläufigen Berechnungen um 10,4 Punkte auf 114,3 Punkte und liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit 2012.

Maßgeblich dafür waren vor allem die Eigenkapitalquote und der dynamische Verschuldungsgrad, die zusammen für gut drei Viertel des Rückgangs verantwortlich waren. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote sank um 4,2 Prozentpunkte auf 26,5 Prozent, nachdem sie 2024 mit 30,7 Prozent noch einen Höchststand erreicht hatte. Besonders im Baugewerbe und im Handel verschlechterte sich die Kennzahl. Auch der dynamische Verschuldungsgrad, der die Schuldentilgungsfähigkeit der Unternehmen abbildet, verschlechterte sich deutlich. Er stieg um 43,6 Prozentpunkte auf 364,5 Prozent, was vor allem auf eine Zunahme des Fremdkapitals bei nahezu stagnierendem Cashflow zurückzuführen ist. Diese Kennziffer ist die einzige Komponente des Gesamtindex, bei der höhere Werte eine Verschlechterung der Bilanzqualität anzeigen.

Künstliche Intelligenz im Mittelstand deutlich stärker verbreitet
Neben der konjunkturellen Lage untersucht die Studie auch die Nutzung digitaler Technologien. Besonders stark gestiegen ist die Nutzung Künstlicher Intelligenz: Während 2018 erst 8 Prozent der Mittelständler KI einsetzten, sind es inzwischen 58 Prozent. Damit liegt KI nahezu gleichauf mit dem Internet der Dinge, das ebenfalls von 58 Prozent der Unternehmen genutzt wird. Etwa jeder sechste Mittelständler setzt weiterhin keine der abgefragten digitalen Technologien ein.

Über die Studie „Mittelstand im Mittelpunkt“
Die Daten für die VR Mittelstandsumfrage wurden in der Zeit vom 2. März bis 17. April 2026 über Telefon- und Onlineinterviews erhoben. Die Stichprobe von mehr als 1.000 Unternehmen ist repräsentativ; befragt wurden Inhaber und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen in Deutschland. Technische Auswertung und Feldarbeit wurden in diesem Frühjahr erstmals von Foerster & Thelen Marktforschung Feldservice GmbH durchgeführt. Grundlage für die VR Bilanzanalyse sind die Abschlüsse (Bilanzen und Erfolgsrechnungen), welche die mittelständischen Firmenkunden der Volksbanken und Raiffeisenbanken im Rahmen ihrer Kreditantragstellungen für die Jahre 2001 bis 2025 einreichten. Für das Jahr 2025 lagen bisher zwar nur rund 550 Abschlüsse vor, 2001 bis 2024 waren es aber fast 2,6 Millionen.
 

Ansprechpartner:
Mirja Lehleuter, Pressesprecherin der DZ BANK AG
Tel. +49 69 7447 57378
mirja.lehleuter@dzbank.de

Cornelia Schulz, Pressesprecherin des BVR
Tel. +49 30 2021-1330
c.schulz@bvr.de


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BVR - 13.07.2026, 12:00:00

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